Eigentlich fing alles vor ein paar Jahren ganz harmlos an. Nein, nicht harmlos, sondern mit üblen Schmerzen in der Nierengegend, rechts. Auf der Arbeit, nach dem Mittag, wie aus dem Nichts schoss ein Schmerz durch den Rücken, als wenn einem jemand ein Messer in den Rückensticht. Wirklich übel. Egal, was man machte, wie man sich bewegte, es tat höllisch weh. Nach zwei Stunden bin ich in die Notaufnahme vom Krankenhaus gefahren. Nach weiteren Stunden der Warterei wurde ich dann untersucht… Nierenkolik… Toll, solche Schmerzen braucht keiner. Mittlerweile waren sie aber zurückgegangen und ich habe nur noch Blut gepinkelt. Musste dann eine Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben und durfte am nächsten Tag nach Hause. Habe mir dann sofort einen Termin beim Urologen besorgt. Eine Woche später, alles war ok, bin ich hin. Im Ultraschall war kein Stein zu erkennen, weder in Niere, noch in Blase, nur ein bisschen Grieß. Gleich noch ein Ultraschall von der Prostata gemacht, man ist ja schon etwas älter und PSA-Wert bestimmt. Alles im Rahmen. Mit der Maßgabe viel zu trinken konnte ich nach Hause. Ein halbes Jahr später wieder hin um Kontrolluntersuchung zu machen. PSA-Wert absolut im Normbereich. Von nun an alle halbe Jahr einen Termin, einmal Niere, einmal Prostata untersuchen. Prostatauntersuchung ist eher weniger angenehm, wenn erst der Finger- und dann einem die Ultraschallsonde in den Hintern fährt. Aber was tut man nicht für die Gesundheit…. Die weiteren Untersuchungen ergaben keine Auffälligkeiten. Niere und Prostata ok, PSA-Wert unauffällig. Dann, vor etwa 2,5 Jahren fing der PSA-Wert an zu steigen. Erst 3, dann 7, dann 10, dann mal 9, jetzt 14…
Die erste Steigerung nimmt man nicht ernst, man ist ja schon über 60. Dann nach der nächsten bekam ich ein Antibiotika, da der Verdacht auf eine Infektion bestand. Nutzte aber nichts, genauso wie das andere Antibiotika, das über einen richtig langen Zeitraum genommen werden musste. Der Wert stieg, langsam, aber immer weiter. Die letzte Untersuchung mit dem Ergebnis 14 bedeutete eine Prostatabiopsie. Da wurde mir schon etwas mulmig, aber man redet sich ja viel ein. Keiner in der Familie hat so etwas gehabt, Die Prostata ist nicht vergrößert, Kollege hatte das auch mal, da war ja nichts und so weiter. Kurz gesagt, man ist sich sicher: Da ist nichts! Basta!
Mann geht also recht entspannt auf diesen Termin zu. Ein paar Tage vor der Biopsie beschleicht einen dann doch ein mulmiges Gefühl, eher weniger in Bezug auf das Ergebnis, eher wegen der Biopsie selber. Recht kleinlaut und mit einem merkwürdigen Gefühl in der Magengegend trabe ich dann zum Urologen. Nach kurzer Wartezeit werde ich in den Behandlungsraum gerufen. Zum Glück nicht den mit dem Gynäkologenstuhl… Schon mal besser. Ich soll mich dann freimachen, und auf die Seite auf die Liege legen. Bekomme dann ein Gel mit einer örtlichen Betäubung in den Darm massiert und darf dann 1/4 Stunde so liegen. Immer die Ultraschallsonde mit angeflanschter Halterung für die Biopsienadel vor den Augen. Eine Sprechstundenhilfe wuselt herum bereitet was vor und läuft mit einer Nadel mit unglaublicher Länge und sehr schmerzhafter Dicke an mir vorbei… Das muss sie sein! Damit werden sie dich quälen schießt es mir durch den Kopf. Mein Herz sackt noch etwas tiefer in die Hose… Achnee, hab ja keine Angst. Gefühlt liegt das schon unter der Liege. Mir ist auch etwa schlecht und schummerig auch. Dann kommt der Doc hockt sich neben mich und schwubbs habe ich die Sonde eingeführt bekommen. Jo, war jetzt doch nicht so schlimm wie gedacht. Ein klitzekleiner Pieks irgendwo da unten und Prostata und Samenblase ist betäubt. Von nun an merke ich nichts mehr. Es werden dann an 12 Stellen Gewebeproben entnommen. Davon merke ich so gut wie gar nichts. Nur wenn die Proben abgezupft werden ist das so, als wenn einem ein Haar ausgerissen wird. Absolut erträglich alles und ich entspanne mich zusends und dadurch wird das ganze Procedere auch noch mal einfacher für mich. Ich höre nur immer wieder Urologe, der der Sprechstundenhilfe ansagt, wie weit sie die Nadel noch schieben soll. Er sagt nur: „Weiter, weiter“ und dann „Schuss“… dann ist die Probe in der Nadel. Es knallt tatsächlich etwas, wenn die Probe genommen wird. Ich bin ja so froh, das er nicht sagt: „Tiefer…“ Das hört sich doch etwas merkwürdig an. Ich glaube die ganzen Proben zu nehmen hat nicht länger als 15 Minuten gebraucht. Dann darf ich mich langsam aufrichten und soll noch etwa sitzen bleiben und als der Kreislauf realisiert hat, das alles ok ist, darf ich auch aufstehen und mich anziehen.
Ja, und dann beginnt die Zeit des Wartens. Wann kommt der Anruf vom Doktor. Und dann war es soweit. Als auf dem Display „Urologe“ erschien rutschte mit das Herz in die Hose. Ich nahm das Gespräch an und 5 Minuten später wusste ich, ich habe Krebs. Prostatakrebs. Eigentlich dachte ich die Welt müsse stehen bleiben. So geschockt war ich in dem Moment. Nicht, als er mir die Diagnose mitteilte, sondern als ich dann alleine beim Telefon saß. Da war es so als wäre ich völlig leer. Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Außer „Scheiße, Scheiße, verdammte Scheiße.“ Ich habe erst mal meine Frau angerufen. Dabei und danach habe ich geheult. Ich musste das erst mal verdauen. Eigentlich erwartet man mindestens das die Erde stehenbleibt nach so einer Nachricht. Aber nichts passiert. Draußen scheint die Sonne und die Meisen knabbern weiter lustig an den Meisenknödeln, die ich keine Stunde vorher rausgehängt habe. Und ich stehe oben und heule. Nach einer Stunde habe ich mich beruhigt und sage es erst mal meinen Kindern und den anderen wichtigen Menschen in meinem Leben… Mich haut die Reaktion um. Andauernd klingelt das Handy, es kommen Textnachrichten, Anrufe. Damit habe ich nicht gerechnet und ich könnte schon wieder heulen ob der Anteilnahme meiner Familie und Freunde.
Nachmittags kommt meine Frau zu mir. Wir reden über alles und es fließen wieder einige Tränen. Aber so langsam werde ich ruhiger und fange an mich zu sammeln. Montag werde ich zum Urologen gehen und die Papiere und Befundberichte abholen. Ich habe zu tun. Am Wochenende beschäftigt uns das Thema ungemein, ist auch irgendwie verständlich. Aber es wird langsam besser. Es ist kein Todesurteil! Am Montagnachmittag fahre ich zum Urologen und will auch noch mal kurz mit ihm reden. Gerade das Thema Metastasen bewegt mich doch sehr. Er meinte, das man nicht ganz ausschließen kann, das es Metastasen gibt, er das aber als nicht sehr hoch einschätzt. Zu 95% habe ich wohl keine. Aber zu 5% habe ich welche. Zu welchen Prozenten ich gehöre erfahre ich später. Wenn ich keine habe, ist mit einer Operation das Thema erledigt. Dann bin ich wieder gesund. Und wenn ich welche habe? Ich weiß es noch nicht.
Mit den Überweisungen und den Berichten setze ich mich ans Telefon und versuche Termine für das Knochen-CT zu bekommen. Zum Glück habe ich für in 14 Tagen Glück. Danach weiß ich mehr. Am nächsten Morgen rufe ich in der Klinik an, in der ich operiert werden soll. Ich hatte den Arzt noch gefragt, ob wir den Urlaub verschieben sollten. Er meinte „nein, machen Sie erst den Urlaub und gehen dann in die Klinik.“ Ich bekomme einen OP-Termin für den 16. Oktober. Voruntersuchungen im Krankenhaus sollen am 10. sein, am 15. muss ich dann ins Krankenhaus.
Mittlerweise habe ich mir den Befundbericht durchgelesen und mit Hilfe einer befreundeten Ärztin, danke Christiane, und von Dr. Google auch verstanden. Ich habe ein Karzinom Gruppe IIb, Klassifikation pT2c. Ein lokal begrenzter Tumor. Es war ja auch weder im Ultraschall was zu sehen, noch gab es einen Tastbefund oder irgendwelche Einschränkungen oder Beschwerden meinerseits, noch eine Vergrößerung. Wohl noch mal Glück gehabt. So langsam geht es mir besser und ich sage mir, das blöde Dingen kommt raus und wird den Möwen zum Fraß vorgeworfen. Danach ist alles wieder gut. Hoffe ich zumindest ganz stark. Ich muss jetzt damit leben und werde es auch. Auch wenn Metastasen da sind, werde ich damit leben müssen. Ich habe den Mist nun mal am Hals und was für eine Alternative habe ich? Abwarten und erst dann reagieren, wenn es mir schlecht geht? Keine Alternative, nicht wirklich.
Heute hatte ich Termin beim Radiologen. Es geht um die Frage, habe ich schon Metastasen oder nicht? Die ganze Aktion war nicht sehr langwierig, ich musste mich entkleiden und dann auf die fahrbare Trage legen, die dann durch den Donut geschoben wurde. Vorher noch ein Kontrastmittel in die Armvene, damit man die kleinen Mistdinger vielleicht etwas besser sehen kann. Gedauert hat das Ganze nicht lange. Nach dem Anziehen bekam ich eine DVD mit meinem in Scheiben geschnittenen Köper überreicht. Der Befundbericht geht an den Urologen. Der wird mich in den nächsten Tagen anrufen. Schauen wir mal.
Zu Hause habe ich dann mal die DVD in den Rechner geschoben und mir mich angeschaut. Wenn man sich ein wenig orientiert, kann man tatsächlich einiges erkennen. Aber ob da nun Metastasen sind? Ich konnte keine schwarzen Flecken irgendwo erkennen. Außer in der Lunge, das war alles schwarz und im Darm, da waren Luftblasen, die mal Pupse werden wollen, zu sehen. Ansonsten waren die Knochen schön weiß und alles andere grau. Warten wir es also ab, bis sich der Doktor meldet…
Der Doktor hat sich gemeldet! Keine Metastasen…
Der Urlaub kann kommen! Danach geht’s dann ins Krankenhaus und wir sehen weiter. Ein Stein ist uns vom Herzen gefallen…
Der Urlaub ist vorbei und wir sind nach 4 wunderbaren Wochen auf Sizilien und den Äolischen Inseln wieder in Hannover angekommen. Am folgenden Montag ging es dann ins Krankenhaus zu den Vorbesprechungen für die anstehende Operation. Untersuchungen, Aufklärungsgespräche etc. Leider fehlte eine Untersuchung, die das Krankenhaus gerne haben möchte, ein Knochenszintigram. Daraufhin musste die OP verschoben werden, auch weil noch eine Blasenspiegelung gemacht werden soll. Kurz und gut, das Szintigram und auch die Blasenspiegelung haben nichts ergeben. Das ist sehr beruhigend. Allerdings bringen manche Aufklärungsgespräche Erkenntnisse, die man eigentlich nicht haben möchte. Der Krebs sitzt bei mir in der Prostata so unglücklich, das die die Prostata umfassenden Nerven nicht erhalten bleiben können, sondern vollständig mit entfernt werden müssen. Diese Nerven sind allerdings für die Erektionsfähigkeit unabdingbar. Das heißt für mich, das ich nach der OP dauerhaft Impotent bin. Zum Glück war meine zukünftige Frau mit bei dem Gespräch und so haben wir beide gemeinsam entschieden, das wir das so akzeptieren. Die Alternative wäre Zettel am Zeh. Und das ist es nicht wert!
Der Tag der OP rückt näher und ich bin froh, am Montagmorgen endlich im Krankenhaus zu sein und das es dann bald losgeht! Die Warterei hat ein Ende.
Ich bekomme mein Zimmer zugewiesen und darf noch warten. Es werden nur 2 Leute pro Tag an der Prostat operiert. Die OP dauert mit Vorbereitung und Nachbereitung fast 4 Stunden. Die OP selbst wird roboterassistiert durchgeführt. Das heißt, es werden nur mehrere kleine Schnitte in der Bauchdecke gemacht, durch die die Instrumente eingeführt werden, die dann vom Operateur bewegt werden. Dies verursacht weniger Blutungen, Schmerzen und Infektionen. Auch kann die Operation wesentlich genauer durchgeführt werden, was gerade aufgrund der Lage der Prostata direkt unter der Blase von Vorteil ist. Der Operateur führt die Operation mit Hilfe einer 3-D-Kamera im Bauraum durch, die eine 10-fache Vergrößerung hat. Die Bewegungen des Operateur werden im Verhältnis 5:1 auf die Instrumente umgesetzt.
Um 11:00 kommt ein Pfleger ins Zimmer und verkündet mir, das es jetzt bald losgeht und ich möge mich doch entkleiden, das lustige Flügelhemd anziehen und es mir im Bett bequem machen. Danach gibt es dann die „Scheißegal“- Pille. Ich darf dann noch etwas mit mir alleine warten und stelle fest, das ich immer ruhiger werde und keinerlei Angst verspüre. Bald kommt ein anderer Pfleger der mich dann in die Vorbereitung zur OP bringt. Dort muss ich auf ein spezielles Bett umsteigen und die Anästhesie- Schwester bereitet die Zugänge vor und legt mir schon einen in den rechten Handrücken. Der Narkosearzt kommt dann hinzu und fragt mich zur Identifizierung noch mal nach Name und Geburtsdatum. Danach leitet er die Narkose ein. Ich bekomme eine Maske vorgehalten und merke nach einigen Momenten, wie ich wegdämmere. Ca 4 Stunden später wache ich auf und finde mich in einem großen Raum voller geschäftiger Pfleger und Schwestern wieder. Ich schaue mich noch kurz um, bevor ich wieder einschlafe und meine, das wir zu 8 dort liegen. Kurz danach wache ich wieder auf und eine Schwester fragt mich wie es mir geht. Ich weiß nicht wie es mir geht, aber ganz offensichtlich ist die OP gut verlaufen. Zack, nochmal eingeschlafen. Das nächste mal wache ich in meinem Zimmer auf und habe Hunger und Durst. Die Stationsschwester kommt rein und schaut sich meinen Bauch und mich an und sagt, das alles gut gegangen ist. Prostata ist raus. Ich mache noch ein kleines Nickerchen und wache erst wieder auf, als mich ein Pfleger und eine Schwester wecken. Es gibt Tabletten, eine Thrombosespritze und dann endlich was zu essen und was zu trinken… Ich bin zwar noch platt, aber es geht mir gut. Keine Schmerzen oder sonstwas. Auftrag vom Pflegepersonal: Viel trinken…. Läuft alles in den Kathederbeutel. Das ist auch etwas neues für mich, ein Katheder. Sieht sehr komisch aus, ist aber nicht zu spüren und man entleert sich, ohne auf die Toilette zu müssen. Die Nacht ist ruhig, ich kann natürlich nicht auf der Seite schlafen, wie ich es gewöhnt bin, sondern ich muss auf dem Rücken liegen. Zum Glück kann Mann das Rückenteil etwas höher stellen, so geht auch für mich das schlafen. Und ebenso zum Glück habe ich was zu lesen dabei und so geht die Nacht tatsächlich schnell vorbei.
Am nächsten morgen werde ich gleich nach dem Frühstück aus dem Bett geworfen. Ich muss mich vorsichtig auf den Rand setzen, ein paar Atemzüge nehmen und dann gaaaanz langsam aufstehen. Hurra, ich kann stehen und nichts tut weh! Ich bin happy. Jetzt bekomme ich den Kathederbeutel in die Hand und die Parole für heute lautet: „Laufen und Saufen“. Ganz vorsichtig aus dem Zimmer gewackelt, die Schwester geht noch ein paar Schritte mit und danach ziehe ich meine Runden, wie einige andere auch, über den Flur. Ist schon ein ulkiges Gefühl, im Flügelhemd, mit dem Kathederbeutel in der Hand über den Flur zu gehen. Flur rauf und Flur runter. Man grüßt sich und amüsiert sich über einander. Den Beutel wie eine kleine Gucci-Handtasche an der Hand. Langsam füllt er sich und wenn er zu schwer wird, lässt man ihn durch das Pflegepersonal entleeren. Menge wird aufgeschrieben. Leider suppt eine von den vielen kleinen Nähten ganz ordentlich, war wohl eher ein Arzt-Lehrling der mich zunähen durfte. Wurde dann aber am Nachmittag gleich noch mal übergenäht. Alles dicht, vorerst. Weiter mit dem Wandeln im Flur. Das Essen ist nicht schlecht, aber hat eher den Charakter eines Essens aus den Jugendherbergen in den 80ern. Man wird satt….
Die Nacht brachte nicht viel Neues, ausser das ich viel gelesen habe und irgendwann eingeschlafen bin. Am morgen dann die obligatorische Frage nach dem Stuhlgang. Ich musste verneinen und die Schwester drohte mit einem Einlauf… Hui, da war aber fix Stuhlgang und der Einlauf an mir vorübergegangen. Auch heute wieder viel Laufen und Trinken. Nachmittags kam eine Assistenzärztin vorbei und hat mir Blut abgenommen. Der Katheder machte etwas Blasenkrämpfe, aber der Arzt bei der Visite meinte das das normal wäre. Nun gut, ist nicht wirklich schön, aber wohl nicht zu ändern.
Mittlerweile ist der 3.Tag nach der OP und der Arzt schaut sich noch mal die Narben an und teilt mir mit, das das Blutbild ok ist. Mittags werde ich dann sang- und klanglos entlassen. Ist schon blöd, wenn man alleine ist und dann auf einmal aus dem Krankenhaus fliegt. Meine Frau ist auf Arbeit, ich brauche Inkontinenzmaterial und ein AU-Bescheinigung etc. Mit dem Taxi fahre ich nach Hause und der Taxifahrer bringt mir mein Köfferchen noch nach oben. Danach bin ich alleine. Eine weitere Narbe hat angefangen zu suppen, was zusätzlich enorm nervt. Zum Glück keine Schmerzen. Ich lege mich erst mal auf mein Sofa. Zum Glück hatte ich mir im Frühjahr eins mit ausfahrbarem Fußteil geholt und so kann ich einigermaßen bequem liegen und lesen. Statt der Katheder-Handtasche habe ich jetzt einen Beinbeutel. 500ml passen da nur rein. Das geht fix und ich renne gefühlt alle 2 Stunden zum Klo um ihn zu entleeren. Die Blasenkrämpfe werden häufiger… Doktor Google teilt mir mit, das das tatsächlich normal ist und was damit zu tun hat, das die Blase den Fremdkörper loswerden will. Wäre schön gewesen, wenn mir das in einem intensiven Entlassungsgespräch mitgeteilt worden wäre. Aber da muss die Klinik noch am Entlassungsmanagement arbeiten. Es kommen viele Fragen auf, die nicht beantwortet werden, oder es passieren Dinge, die man nicht einzuschätzen weiß. Da wäre so ein Gespräch wichtig und würde manche Unruhe, bis hin zum Besuch der Notaufnahme am Wochenende möglicherweise verhindern.
Das Wochenende dreht sich nur um Urinbeutel und Blasenkrämpfe und ich schaue mit bangem Blick auf Montag 8:15 Uhr… Da wird geprüft ob die Naht an der Harnröhre dicht ist.
Montag… Ich komme in der UFD im Krankenhaus an. Urologische Funktionsdiagnostik. Ein sehr netter Pfleger holt mich ins Behandlungszimmer und erklärt mir alles, was jetzt passieren soll. Da blieben keine Fragen offen! Ich muss mich entkleiden und auf einen Tisch mit Röntgengerät legen. Durch den Katheder wird ein Kontrastmittel in die Blase gespritzt und unter Röntgenkontrolle wird geschaut, ob das Mittel in der Blase bleibt. Es bleibt! Dann zieht die Ärztin langsam den Katheder zurück und auch die Naht unterhalb der Blase ist dicht. Der Katheder kann raus!!! Hurra, welch ein Gefühl der Erleichterung, es ist unglaublich! Ein großer Schritt nach vorne. Klar, ich bin nicht ganz Herr meiner Ausscheidungen, aber ohne Katheder ist ein tolles Gefühl, zumal die letzten 2 Tage mir extrem an den Nerven gezerrt haben und ich mental echt ziemlich weit unten war. Zum Glück war meine Frau bei mir und hat mich aufgefangen. Ich bin so froh, das wir vorher nicht gewußt haben, was auf uns zu kommt. Ich glaube der Urlaub wäre nicht sehr schön gewesen. Aber jetzt geht es aufwärts. Dir suppende Naht wurde aber gleich von der Ärztin kurz übergenäht. Ohne Betäubung. Ist aber auch nicht weiter schmerzhaft, wie eine Impfung. Hauptsache der Bauch ist dicht. Es ist ein ganz merkwürdiges Gefühl, wenn man so ausläuft. Das macht einem echt etwas Angst. Am nächsten morgen suppt die nächste Naht… mittlerweile die 3. Naht. Es ist Feiertag und so fahren wir am späten Nachmittag in die Notaufnahme. Ich hatte vorher auf Station angerufen und dort bat man mich in die Notaufnahme zu kommen und nach dem Stationsarzt zu fragen. Der kam dann auch runter, besah sich die Naht, drehte die Augen nach oben und meinte, das das unbedingt nachgenäht werden müsste… Gesagt getan, zwei feine Lochstickereien… Donati-Rückstichnaht, fast schon Kunststopfen. Puh, wieder dicht. Wir sind freudig nach Hause gefahren und es war tatsächlich von da an alles dicht!
Meistens liege ich auf dem Sofa und merke doch, wie mich das alles körperlich und auch seelisch mitgenommen hat. Aber so langsam geht es bergauf, wenn auch nur mit weiterhin kleinen Schritten. Mal geht es einen Tag besser, dann geht es den nächsten Tag etwas schlechter. Kleine Spaziergänge sind möglich. Aber diese Untätigkeit nervt. Aber wenn ich im Garten war um den Vögeln etwas Futter zu geben oder mal einen Gang auf der Strasse gemacht habe, musste ich mich erst mal wieder hinlegen. Das ist für mich eine völlig neue Erfahrung.
Mittlerweile hat die Rentenversicherung meine Anschlußheilbehandlung genehmigt. Leider erst 4 Wochen nach der OP. Aber immerhin, es geht bald los. Bis dahin versuche ich noch fitter zu werden. Die Inkontinenz ist im Moment das größte Problem für mich. Aber auch das soll sich bald ändern, so hoffe ich zumindest. Aber für diese Dinge ist ja die AHB da. Bis dahin muss ich noch 14 Tage warten. Zum Glück ist ja meine Frau da, die jeden Nachmittag vorbeikommt und bei mir ist. Nicht nur um mir die blöden Thrombosespritzen zu geben, oder mir die Wohnung aufzuräumen, nein, auch als seelische Stütze. Manchmal ist man doch etwas sehr mit sich und seinem Leid beschäftigt und dann ist sie da! Dann gibt es auch immer mal was leckeres zu Essen, was sie mitbringt. Ich habe im Moment wenig Lust zu kochen. Habe auch kaum Appetit. Muss mich eher zwingen was zu essen. Trinken achte ich schon drauf, aber wenn ich viel trinke, läuft es auch unten wieder raus. Auch irgendwie nicht so wirklich schön, wenn man sich wie ein Durchlauferhitzer fühlt.
Heute ging es los nach Bad Wildungen. Mein Sohn, seine Frau, meine zukünftige Frau und ich sind losgefahren. Nach knapp 3 Stunden waren wir da und standen vor der grossen Kurklinik. Da soll ich 3 Wochen verbringen? Ich will sofort wieder nach Hause! Die Aufnahme war sehr nett und auch das Zimmer ist gut. Aber hier 3 Wochen ganz alleine unter all diesen alten Männern? Oh Gott! Mein Herz sinkt mir immer tiefer in die Hose und ich möchte am liebsten gleich wieder weg. Aber es hilft nichts, ich muss da durch, will ich wieder gesund und vor allem dicht werden. Nach kurzer Zeit verabschiede ich Frau und Sohn und Schwiegerkind und bin alleine. Mir geht es seelisch ganz schlecht. Ich will nur noch weg und nach Hause. Am Nachmittag wird man erst mal registriert, gewogen, Blutdruck gemessen und ein EKG geschrieben. Abends um 17:30 ist schon Abendbrot. 250 vorwiegend alte Herren und ich als Jungspund dazwischen. Es gibt eine feste Sitzordnung und ich komme an einen Tisch mit 3 mittelalten Herren. Einer stellt sich als Sizilianer heraus, das hört sich schon mal sehr gut an. Die beiden anderen sind aus der Gegend und nur noch eine Woche da. Der Sizilianer ist aber bis zum 14.12. da, einen Tag länger als ich. Man stellt sich vor und sie sind alle nett. Lustigerweise stellt sich heraus, das ich der Älteste an dem Tisch bin. Wenn man sich dann so umhört, bin ich doch nur gefühlt der Jüngste. Das Essen ist gut und reichhaltig. Nach dem Essen finde ich in meinem Postfach den Terminplan für den nächsten Tag. Morgens um 6:45 ist Blutabnahme und dann geht es weiter, Urinabgabe, Aufnahmeuntersuchung beim Urologen. Dort stellt sich leider heraus, das es ein Fehler von mir war in der letzten Zeit so häufig die Treppen zusteigen. Ich habe Flüssigkeit im Bauch. Nicht besogniserregend, aber ich darf nur noch mit dem Fahrstuhl fahren, langsam gehen und nur einen kurzen Spaziergang draussen machen. Ansonsten liegen. Zum Glück habe ich ein paar Bücher dabei. Nachmittags liegen auch noch 2 Termine an und dann ist auch schon wieder Abendessen. Abends auf dem Zimmer ist man schon sehr einsam. Mir geht es jetzt nicht wirklich besser… seelisch. Und gerade dann, wenn ich mit meiner zukünftigen Frau spreche, merke ich wie sehr sie mir gerade jetzt fehlt und ich sie brauche. Freitag ist der Tag einigermaßen mit Terminen gefüllt und auch der Samstag. Vorträge, Physio, Massage auf einem Wasserbett, wo dir Düsen den Rücken massieren, Kontinenztraining etc. Es gibt einen Vortrag, der sich mit der erektilen Dysfunktion beschäftigt und einen der sich mit dem Prostatakrebs allgemein beschäftig. Letzterer sehr lehrreich, aber manches will man eigentlich nicht wirklich wissen. Jetzt ist der Samstag rum und ich gewöhne mich so langsam ein und mein Heimweh wird weniger. Jeder Tag bringt mich wieder näher nach Hause, zu meiner Frau und meinen Kindern und vielleicht dann schon dem Enkelkind. Das lässt einen viel aushalten. Ich habe einen Videoanruf von meiner zukünftigen Frau und meinen Nachbarn erhalten. Alle kümmern sich um mich und sind besorgt, ob es mir denn auch gut geht. Natürlich kann ich ihnen nicht wirklich sagen wie es mir geht, aber es hilft, zu wissen, das sie da sind und an mich denken. Nur meine Frau und enge Verwandte/Freunde wissen, wie es mir wirklich geht. Erster Sonntag in der AHB. Keine Anwendungen sondern nur einmal die Thrombosespritze. Ansonsten ist Ruhetag im Haus. Der Sizilianer ist auch relativ frisch operiert, hatte auch Flüssigkeit im Bau und muss sich ebenfalls etwas schonen. Ich denke heute nachmittag mache ich mit ihm eine kleine Runde um die Klinik. Einmal raus und frische Luft schnappen. Ich versuche jetzt, die Zeiten zwischen den Toilettengängen immer weiter auszudehnen und erst loszugehen, wenn sich die Blase selber meldet und mir sagt, das sie voll ist. So langsam muss man sie wieder an die normale Funktion gewöhnen. Hier in der Klinik haben sie ein besonderes Konzept um einen wieder kontinent zu bekommen. Bio-Feedback-Methode. Es wird kein Beckenbodentraining gemacht, weil nicht der Beckenboden für die Kontinenz der Blase zuständig ist, sondern ein ganz kleiner Muskel oberhalb des Beckenbodens und der muss trainiert werden. Das soll über reine Vorstellungskraft funktionieren. In dem Kontinenztraining bekommen wir das beigebracht. In einem Video wird uns der Muskel und seine Funktion gezeigt. Ist schon ganz spannend, wir liegen dort und sollen uns vorstellen, wie dieser Muskel, der an der Peniswurzel liegt, sich schließt. Erst 10 mal 1 Sekunde mit jeweils 1 Sekunde Pause, dann nach einer Minute jeweils 10 mal 3 Sekunden und dann 10 mal 10 Sekunden. Ich habe schon das Gefühl, das es ganz langsam etwas besser wird. Das ich es zumindest etwas kontrollieren kann.
Am Montag habe ich meinen PSA-Wert erfahren, er liegt bei 0,06 ng/ml. Das ist ein sehr guter Wert. Das heißt, das im Moment der Krebs nicht mehr aktiv ist und offensichtlich alle Krebszellen entfernt wurden. Das stimmt mich sehr froh und ich sehe zusammen mit meiner Familie in eine positive Zukunft!
Heute hat der Urologe noch mal ein Ultraschall gemacht. Nieren, Blase, alles ok. Die Flüssigkeit im Bauch ist etwas zurückgegangen, wichtig ist, das es nicht mehr wird. Nach Aussage des Urologen soll ich weiterhin den Fahrstuhl benutzen und nicht die Treppen steigen. Bis die Flüssigkeit abgebaut ist, kann es Wochen dauern. Das ist auch nicht wieter tragische, solange ich keine Schmerzen, Fieber, Schüttelfrost etc habe. Das passt auch zur Aussage meines Urologen zu Hause. Ansonsten habe ich tageweise ein recht volle Programm:
- 6:30 Wärmepackung
- 8:30 Kontinenztraining
- 9:15 Thrombosespritze
- 9:30 Vortrag Gesunde Ernährung
- 11:00 Physiotherapie
- 12:15 Vortrag Reha und Berufstätigkeit
- 13:15 Arzttermin Ultraschall
- 14:30 Atemgymnastik
- 15:45 Entspannungsverfahren PMR nach Jacobsen
Dazwischen noch die Mahlzeiten. Das kann schon in Stress ausarten, aber meistens ist zwischendurch doch immer wieder Zeit um sich auszuruhen und sich hinzulegen. Nach dem Abendessen findet man den Terminplan für den nächsten Tag in seinem Postfach. Dann weiß man, was einen erwartet.
Das Essen ist gut, reichhaltig und auch abwechselungsreich. Mittlerweile schmeckt es mir und die erste Woche ist schon mehr als um!
Jetzt sind die ersten 2 wieder abgereist und weitere 2 Neue dazu gekommen. Ein Iraner und einer aus dem Siegerland. Der Iraner hat, wie der Sizilianer und ich, eine Prostataektomie. Der aus dem Siegerland eine Neonblase und auch keine Prostata mehr. Das stelle ich mir auch ziemlich unangenehm vor. Wir verstehen uns alle sehr gut, und treffen uns nachmittags in der Cafeteria um einen Kaffee oder Tee zu trinken. Wie mir schon zu Anfang gesagt wurde gehen die Tage doch sehr schnell um. Mittlerweile ist die dritte und somit letzte Woche für mich angebrochen. Das erneute Ultraschall ergab einen deutlichen Rückgang der Flüssigkeit, das ist sehr gut, aber trotzdem muss ich mich weiterhin schonen. Nicht so häufig Treppensteigen. Erst nach etwa drei Monaten ist der Heilungsprozess abgeschlossen und ich darf dann anfangen mich wieder stärker zu belasten. Ich denke, das ich frühestens im Februar daran denken kann mit der Wiedereingliederung auf der Arbeit anzufangen. Das ist ein echt langer Weg. Heute am Freitag, es ist der letzte Freitag der AHB, waren wir mit dem Bus nach Bad Wildungen gefahren und wollten uns die Stadt ansehen. Ich muss ein Packset besorgen, da mich Freunde und meine zukünftige Ehefrau mit Adventspäckchen versorgt haben. Das muss ja alles zurück und da ich mit dem Zug fahre müssen diese Dinge auf postalischem Weg verschickt werden. Fahrkarte nach Hause ist besorgt und auch der Transport des Koffers ist organisiert. Es geht in die Schlußrunde. Nach dem wir bei nasskaltem Wetter durch die Altstadt gewander tsind, müssen wir alle drei aufs Klo. Bei jedem tropft es etwas und die Blase will entleert werden. Irgendwie lustig, das es allen gleich geht. Also steuern wir ein Cafe an und wandern alle drei nacheinander auf die Toilette. Wir gönnen uns einen guten Kaffee und ein Stück Kuchen und geniessen die Wärme… Als wir wieder in die Klinik kommen liegen die Terminpläne bis einschließlich Montag in unserem Fach. Am Samstag scheint es das letzte Mal das Kontinenztraining zu geben, Montag ist Blutabnahme und noch einmal Ultraschall. Dann, am Dienstag heißt es Koffer packen und Mittwoch geht es nach Hause, heim zu meinen Lieben, die ich richtig vermisst habe. Es ist aber auch etwas Wehmut mit dabei, weil die beiden Leidensgenossen mir doch ans Herz gewachsen sind und ich sie sicher auch etwas vermissen werde. Wir sind eine zwar begrenzte Zeit zusammen unseren Weg gegangen und konnten uns viel austauschen und uns auch manchmal gegenseitig aufmuntern. Es hat Spaß gemacht und vor allem sehr gut getan, mit den Beiden zusammen zu sein…Aber die Vorfreude auf zu Hause ist doch sehr groß!
Jetzt nach fast 2 Wochen zu Hause kann ich sagen, es geht mir gut. Körperlich habe ich keine Beschwerden, ich mache meine Gymnastik und meine Kontinenzübungen und ich bin relativ zufrieden. Leider soll ich mich mit dem Treppensteigen noch ein paar Wochen zurückhalten, das ist etwas schwer, weil es meine Reichweite doch sehr einengt. Tragen und Heben darf ich auch noch nicht so schwer, so das mein sanierter Flur immer noch so aussieht, als wenn der Handwerker erst eben raus wäre. Aber ich muss immer noch Geduld haben. Das größte Problem ist im Moment meine Inkontinenz. Nicht das es ständig läuft, sondern es ist eine Belatungsinkontinenz. Also, beim Husten, Niesen, Lachen, oder Aufstehen, aber auch wenn ich draussen Spazieren gehe, tropft es immer etwas. Das ist nervig und wird noch eine ganze Zeit dauern. Zumindest Nachts ist es aber so, das ich „Stubenrein“ bin, weitestgehenst. So langsam tritt die Inkontinenz zumindest gedanklich in den Hintergrund. Das ist auch gut so, denn ich habe gemerkt, das immer dann, wenn ich nicht dran denke, alles trocken bleibt…
Weihnachten war eine schöne Zeit, die ganzen Familien haben sich getroffen… ich habe das riesige Glück zwei Familien zu haben. Einmal die von meiner Lebensgefährtin und meine eigene… Das war toll, dieses Zusammensein… Ich bin glücklich das ich dort so gut aufgehoben bin und auch gestützt werde!